Wie das Feuer zu den Menschen kam

Traurig irrte Prometheus über die Erde. Er suchte nach einem Lebewesen, das ihm von Angesicht glich. Da er keines fand, mischte er Lehm und Wasser und formte daraus den ersten Menschen. 

Die Menschen vermehrten sich, doch sie lebten wie kleine Kinder. Sie sahen und hörten, aber sie verstanden nichts. Sie konnten weder Ziegel brennen noch Balken zimmern und Häuser bauen. Wie Ameisen lebten sie auf und unter der Erde und suchten Schutz in dunklen Höhlen. Sie wussten nicht einmal, dass dem Frühling der Sommer folgt, dem Sommer der Herbst und dem Herbst der Winter.

Da ging Prometheus unter die Menschen und lehrte sie Häuser bauen, lesen, schreiben und rechnen und die Natur erkennen, Tiere ins Joch zu spannen und Wagen zu bauen. Er zeigte ihnen, wie man Schiffe baut und segelt. Er führte sie in die Tiefen der Erde zu verborgenen Schätzen wie Kupfer, Eisen, Silber und Gold. Er lehrte die Menschen, wie man heilende Salben und Arzneien mischt.

Die Götter lebten auf dem Berg Olymp. Voller Misstrauen betrachteten sie das Menschengeschlecht, das von Prometheus Arbeit, Kunst und Wissenschaft lernte. Der Herr aller Götter, Zeus, wurde immer wütender. Er sagte zu Prometheus: Du hast die Menschen arbeiten und denken gelehrt, aber du hast ihnen nicht beigebracht, die Götter zu ehren und ihnen zu opfern. Du weißt doch, von den Göttern hängt es ab, ob die Erde fruchtbar oder arm ist, ob die Menschen Not leiden oder in Fülle leben. Geh zu ihnen und sage ihnen, sie sollen uns opfern, sonst trifft sie unser Zorn. Prometheus schlachtete einen Stier, hüllte das Fleisch in die Haut des Tieres und legte darauf den Magen. Auf einen anderen Haufen warf er die Knochen, umgab sie jedoch mit dem Fett, so dass sie nicht zu sehen waren. Kaum war er fertig, roch Zeus den verlockenden Duft und stieg vom Himmel herab.

Prometheus erblickte Zeus und rief: Wähle, welcher Teil dir lieber ist. Zeus erkannte, dass Prometheus ihn täuschen wollte. Er verbarg jedoch seinen Zorn und wählte absichtlich den Haufen, der von Fett glänzte. Prometheus trat lächelnd hinzu und schob das Fett weg. Es erschienen die nackten Knochen. Als er die Stierhaut wegzog, duftete das frische Fleisch. Seitdem opferten die Menschen den Göttern das Fett und die Knochen, das Fleisch behielten sie für sich.

Da beschloss der wütende Zeus, den Menschen das Feuer zu nehmen. Sie sollten nun alles Fleisch roh essen. Zeus befahl den Wolken, mit Regen alle Feuer zu löschen. Die Menschen konnten nun weder Brot backen noch kochen. An kalten Tagen und frostigen Nächten konnten sie sich nirgends wärmen.

Prometheus hatte Mitleid mit ihnen. Er wusste, dass im Palast des Zeus Tag und Nacht ein helles Feuer flackerte. Im Dunkel der Nacht schlich er in den goldenen Palast. Leise nahm er ein brennendes Scheit vom Feuer. Fröhlich kehrte er mit dem Feuer zu den Menschen zurück.

Von neuem leuchteten die Flammen in den Öfen und Werkstätten der Menschen, der Duft gekochter Speisen und gebratenen Fleisches stieg zum Himmel. Zeus blickte zur Erde und sah den Rauch aus den Schornsteinen steigen. Zornig bedachte er die Menschen mit einer neuen Strafe. Er befahl, die Statue eines schönen Mädchens anzufertigen. Als sie fertig war, legte ihr Zeus eine goldene Büchse in die Hand und gab ihr den Namen Pandora. Pandora wurde auf die Erde zu einem Bruder des Prometheus geführt.

Freundlich empfing dieser das Mädchen und bat es den Deckel zu lüften. Doch als Pandora die Büchse öffnete, da flogen Seuchen, Schmerzen, Not und Leid heraus, und verbreiteten sich über die ganze Erde. Pandora erschrak und schloss die Büchse schnell wieder. Aber alle Übel waren schon der Büchse entwichen, und nur die Hoffnung war darin geblieben.

Der Zorn des Zeus traf auch Prometheus. Er befahl, ihn mit Ketten an einen hohen Felsen im Kaukasus-Gebirge anzuschmieden, so dicht, dass er sich nicht einmal rühren konnte. Dann sandte Zeus einen riesigen Adler zu ihm. Der Adler hackte ihm täglich die Leber aus dem Leib und fraß sie. In der Nacht wuchs die Leber wieder nach, doch der Adler kam am nächsten Tag zurück.

Nach vielen Jahrhunderten fand ihn Herakles, ein Sohn des Zeus. Gerade flog der Adler herbei, um sich zu sättigen. Herakles spannte den Bogen, zielte und erlegte den großen Raubvogel. Dann zerbrach er die Fesseln des Prometheus und gab ihm die Freiheit wieder.

Nacherzählung nach den griechischen Sagen von Gustav Schwab - ©  Hamsterkiste Verlag

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